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Die Geschichte des Gebäudes St.-Annen-Straße 4


Das palaisartige Gebäude stammt in seiner heutigen Form aus der Zeit um 1800. Die breite, siebenachsige Putzfassade ist im Mittelteil durch einen breiten Risalit mit Rustizierung (EG) und einem Giebeldreieck betont. Neben einer über dem Eingang angebrachten Inschriftenkartusche mit einem Wappen und der Angabe "Jenisch'sche Freischule für Mädchen eingerichtet 1803" fällt in der schlichten Gestaltung der Fassade besonders die bauzeitliche Haustür mit Zopfstil-Schmuckelementen ins Auge. Zusätzlich zum straßenseitigen Vorderhaus besitzt das Gebäude an der Rückseite zwei Seitenflügel, von denen der südliche aus dem 16. Jh., der nördliche aus dem 19. Jh. stammt.

Im Inneren sind unter anderem die mit Gotlandplatten ausgelegte Diele nennenswert, in der sich auch die Treppe mit beschnitzten Antrittspfosten des späten 18. Jh. sowie farbig gefasste Türen des 19. Jh. befinden. Außerdem besitzt das Gebäude im südlichen Seitenflügel einen Raum mit für Lübeck ungewöhnlich seltener Stuccolustro-Ausstattung der Wände. Im Erdgeschoss des Vorderhauses wurde um 1715 ein Zimmer (heute als ehem. Rektorenzimmer bezeichnet) , mit üppiger Stuckdecke ausgestattet. Sie zeigt Darstellungen der Erdteile als Rahmen von Eckkartuschen, die um ein Mittelrund komponiert sind, und wurde vermutlich durch den Hamburger Stuckateur Christian Hein geschaffen. Später erhielt der Raum noch eine stuckierte Supraporte über der Tür zur Diele.

Die Baugeschichte des Hauses reicht weit in die Geschichte zurück. Im Mittelalter befanden sich an dieser Stelle zwei Häuser, von denen Reste in Form eines tonnengewölbten Kellers unter dem nördlichen Seitenflügel, sowie Teile der Brandmauer erhalten sind. In archivarischen Unterlagen Ist der Keller mit der Bezeichnung "frigidum cellarlum" als Eiskeller, des 13. Jh. überliefert.
Um 1580/81 wurde das Vorderhaus als Traufenhaus mit einem südlich anschließenden Seitenflügel neu erbaut (dendro- chronologisch datierte Hölzer im Dachstuhl).
Durch archivarische Unterlagen sind die Namen der meist hochrangigen Eigentümer und Bewohner seit 1291 nachweisbar. So wohnten hier beispielsweise Mitte des 18. Jh. der Bürgermeister Bernhard von Wickede, ab 1790 der Dänische Konferenzrat Heinrich von Thiemen und nach dessen Tod der Senator Ludwig Mentze.

1821 wird das Gebäude für das Leithoff´sche Orthopädische Institut erworben und eingerichtet. Dieser erste Facharzt in Lübeck, Dr. Matthias Leithoff, gründete 1818 in Lübeck das europaweit zweite orthopädische Institut im "Brömbsenhof", jetzt Schildstr. 12. Aufgrund der beachtlichen Heilerfolge erhielt das Institut großen Zulauf aus vielen Ländern.

Vor allem Patienten aus wohlhabenden und adligen Familien kamen in das Institut, um sich durch Heilgymnastik und Massagen kurieren zu lassen. Als "Psychologischer" Arzt ging er auch auf die geistig-seelische Entwicklung körperbehinderter Kinder ein und kann daher auch als ein früher Vermittler zwischen Pädagogik und Medizin angesehen werden. Für diese Nutzung mussten im Hof ein Speisesaal sowie weitere Nebengebäude, darunter auch 1835 ein Hallenbad, errichtet werden. Dieses wurde allerdings bereits 1852 wieder abgerissen Wie in Planunterlagen aus den Archiven der Hansestadt Lübeck zu ersehen ist, ' erstreckten sich die verschiedenen Einrichtungen des Institutes um 1830 auf ein großes Areal zwischen Schildstraße und St.-Annen-Straße.

Nach dem Tode Leithoffs (+1846) erwarb die Jenisch'sche Familienstiftung das Haus und nutzte es als Freischule, die bis dahin Im Hause Hartengrube/Ecke Bauhof gestanden hatte.
Für diese Schulnutzung wird der mittelalterlich nördliche Seitenflügel abgebrochen und über dessen Keller der noch heute existierende eingeschossige Seitenflügel mit Pultdach neu erbaut.
Fräulein Margaretha Elisabeth Jenisch, Tochter des Hamburger Kaufmanns und Senators Jenisch, hatte diese Einrichtung gestiftet. Durch eine schwere Erkrankung bedingt lebte sie seit 1787 In Lübeck, wo sie Im Hause Ihres Onkels, Bürgermeister Plessing, gepflegt wurde. Aus Dankbarkeit stiftete sie 1803 die Freischule In der jährlich etwa 300 Mädchen unterrichtet wurden. Diese Einrichtung existierte bis 1923. Das Haus blieb weiterhin im Besitz der Stiftung, die eine weitere Nutzung zu schulischen Zwecken zur Bedingung machte.An die Tradition der langjährigen schulischen Nutzung knüpfte dann der Umbau zu Carl-Friedrich-von-Rumohr-Hotelfachschule an.

Erstellt vom Bereich Denkmalpflege 1997